Weser, Flussgottheit?

Diskussionen rund um das Thema Götter und Heidentum
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Markus Nicklas
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digitales Gedenken

Beitrag von Markus Nicklas » 15.11.2017, 16:38

Wem meine Skepsis gegenüber Schamanismus und Ahnengedenken in Veranstaltungen nicht bekannt ist, der möge sich bitte eingehend selbst mit dem Begriff, seinem Ursprung und der Bedeutung, den er für die davon betroffenen Menschen hat, befassen. Ich kenne keinen Menschen in meiner Umgebung, dem ich diese Bezeichnung zumuten will. Statt dessen möchte ich einen konstruktiven Dialog anregen, der sowohl die beräumten Grabstellen, deren Bestattete, ihre Hinterbliebenen und Nachfahren, den Verursacher und heutige Anliegen miteinander versöhnt. Deswegen will ich versuchen, mich an das Tatsächliche zu halten. Ich sehe mich einer damit Aufgabe gegenüber, deren Ausmaße mein Fassungsvermögen übersteigt. Zum Bergsteigen bin ich sowohl zu alst als auch zu versehrt, doch kann ich mir vorstellen, wie der Weg beginnt. Hier und jetzt. Dazu erlaube ich mir einzuladen. Ich verneige mich vor dem Berg.

Vielen Dank für Ihre obige gestrige Anfage nach einer älteren, offenbar prähistorischen Grabstätte mit Urnen in oder bei Karlshafen, entdeckt bei der Gründung der Stadt 1699.

Über die Auffindung der urnen gibt es nur eine 1722 erschienene Veröffentlichung in lateinischer Sprache. Daraus kann man Folgendes entnehmen und schlussfolgern:

1699 bei der Gründung der Stadt Karlshafen, die damals Sieburg hieß, bei Erdarbeiten Auffindung von zahlreichen Gräbern mit Brandbestattungen in Urnen. Dazu schrieb 1722 J. C. Endemann (in deutscher Übersetzung), bezogen auf den Zeitpunkt der Stadtgründung: „Vor dieser Zeit war außer Wäldern, Triften, Wiesen, Flüssen und Sümpfen hier nichts zu sehen, weshalb diese Gegend auch nicht anders als ‚Auf dem Meer’ genannt wurde, da ein großer und tiefer Teich, der vielleicht der dicht dabei vorüberfließenden Weser seinen Ursprung verdankte, beständig hier zu finden war. Dieser mußte, wie mir der [...] Baumeister unserer Stadt, der [...] Präfekt Friedrich Conradi, selbst gesagt hat, bevor die Fundamente richtig abgesteckt und gelegt werden konnten, zuerst mit Holz, Steinen, Erde und anderen derartigen Materialien ausgefüllt werden, wobei eine ganze Menge Urnen, die die Asche von verbrannten Menschenkörpern enthielten, gefunden wurden; ohne Zweifel untrügliche Spuren der alten Römer“ (Endemann 3). Die Auffindung erfolgte demnach beim Abgraben des Auffüllmaterials, mithin nicht zwangsläufig im Bereich der späteren Altstadt. Die gefundenen Gräber waren mit Sicherheit Flachgräber, nicht etwa „Reste von Hügelgräbern aus der Bronzezeit, die vom mittelalterlichen Ackerbau überpflügt waren“ (J. Ohlemacher in: Endemann 25).

Literatur: Johann Conrad Endemann, Oratio Panegyrica [...] in Laudem atque Encomium Urbis Carolshaviae [...] (Cassel 1722). – Mit Kommentar und Anmerkungen von Jörg Ohlemacher in Übersetzung erneut u. d. T. „Lobrede [...] zum Lobe und Preise der Stadt Karlshafen [...]“ (Beitr. z. Gesch. d. Stadt Karlshafen u. d. Weser-Diemel-Gebiets 1) (Bad Karlshafen 1991) 3, 25.

In der jüngeren Literatur, m. W. ab 1840, ist diese Angabe dann rezipiert worden und schließlich in der ziemlich krausen Sagensammlung von Karl Paetow als Sage gelandet, obwohl es keine Sage, sondern einfach eine normale Überlieferung ist.

Ich halte die Angabe von Endemann über die Funde, deren Kenntnis er ja aus erster Hand bezogen hatte, für durchaus glaubwürdig, ohne dass man über die genaue Lage und Zeitstellung der Urnenfunde aber noch Genaueres sagen kann (allenfalls, dass es natürlich keine Gräber von Römern waren). Insofern führen wir diese Urnenfundstelle in der Gemarkung Karlshafen denn auch als "Fundstelle 1", auch wenn sie nicht genauer lokalisiert ist.

Markus (Adolfo Amadeus) Nicklas

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Markus Nicklas
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mir schnürt es mein Herz zusammen

Beitrag von Markus Nicklas » 20.11.2017, 10:18

vorhin beim Frühstück unterhalte ich mich mit einem Nachbarn, der in Indonesien gelebt hat. Er sagt, dass die Einheimischen davon absehen, an Flüssen zu wohnen, weil sie die Geister fürchten. Was macht diese Aussage mit mir?

Ich frage mich, z.B. was in eienm kollektiven Bewusstsein geschieht, wenn eine solches Bewusstsein "weg rationalisiert" worden ist? Das Verhältnis Geist/Ort mag unterschiedlich sein. Mein Augenmerk besonders in diesem thread ruht auf der Verbindung von Mensch und Land/(im) Fluss.

Immer wieder habe ich Lust, Anzeige gegen das Land Hessen wegen Störung der Totenruhe zu erstatten. Das ist zwar auch im meinen Augen absurd, weil es wohl keine Rechtskontinuität im Verlauf der vergangenen 300 Jahr gibt, doch als "künstlerische Aktion" als meinetwegen auch Geste, sei sie noch so seltsam, meine Ohnmacht zu überwinden. Ich schwimme.

;(
Markus (Adolfo Amadeus) Nicklas

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Beitrag von Verdandi42 » 25.11.2017, 06:39

Hallo Adolfo,

ist das mit dem digitalen Gedenken nicht ein neues Thema? Oder ist mir was entgangen?

LG, Petra
“Heathen, n. A benighted creature who has the folly to worship something he can see and feel.”
― Ambrose Bierce, The Unabridged Devil's Dictionary

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ja, das kann man so sehen,

Beitrag von Markus Nicklas » 26.11.2017, 11:20

[quote='Verdandi42','index.php?page=Thread&postID=146063#post146063']ist das mit dem digitalen Gedenken nicht ein neues Thema?[/quote]

und ich stelle es der Admin frei, das ggf zu ordnen, wenngleich sich in mir der Gedanke regt, dass das Geschehen am Fluss, die Verbindung zum Wesen des Flusses mit prägt.

Dafür wäre zu klären, ob und wie sich eine Begräbnisstätte an einer Stelle in Beziehung zur Örtlichkeit setzen läßt, ob und wie andere Formen der Beziehung von Bestattungsplatz zur Örtlichkeit Aufschluss geben. Das Königsgrab von Seddin und die anderen Gräber in der Umgebung kommen mir zu Gedächtnis.

Danke für den Hinweis.

Frischauf,

:)
Markus (Adolfo Amadeus) Nicklas

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