Gab es die Wanen?

Diskussionen rund um das Thema Götter und Heidentum
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Cugernia
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Gab es die Wanen?

Beitrag von Cugernia » 24.03.2018, 17:51

Hallo zusammen,

ich lese gerade mal wieder Simeks "Religion und Mythologie der Germanen", und bin dabei auf eine Stelle gestoßen, die mich stutzig macht. Simek behauptet nämlich, dass es außer an einer Stelle bei Snorri (Ynglinga saga 4) keinerlei Belege für eine Aufspaltung in Asen und Wanen gäbe bzw. dafür, dass Frey einer anderen Götterfamilie angehört habe als die übrigen Hauptgötter. Dabei handle es sich um eine Fehlinterpretation Snorris. Wer's nachlesen möchte: Seite 145.

Wie steht ihr dazu bzw. wisst ihr mehr darüber?

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Nebelwolf
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Beitrag von Nebelwolf » 25.03.2018, 21:14

Ich mag ja solche Fragen, vor allem in genau dieser Formulierung.

Einzig richtige Antwort: Ja, es "gab" definitiv mal etwas, das als "Wanen" bezeichnet wurde.

Aber um etwas genauer zu antworten:

Simeks These ist auf den ersten Blick gewagt, andererseits nachvollziehbar. Er weist auch mit Recht auf Widersprüche innerhalb der eddischen Systematik hin, die wohl eher auf Snorri selbst zurückgehen als auf die nordgermanischen Entwicklungen der Wikingerzeit.

Das, was wir uns heute unter den Wanen vorstellen ist aber eher an indoeuropäische Pferdekulte angelehnt, die auch für die germanische Zeit gut bezeugt sind. Auf der Homepage hier hat Kurt Oertel ein paar lesenswerte Absätze geschrieben, allerdings stammt der Artikel noch aus der Zeit vor dem Publikwerden von Simeks These.
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Waldtochter
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Beitrag von Waldtochter » 26.03.2018, 18:48

@Nebelwolf
Das, was wir uns heute unter den Wanen vorstellen ist aber eher an
indoeuropäische Pferdekulte angelehnt, die auch für die germanische Zeit
gut bezeugt sind.
Kannst du das näher beschreiben?



@Cugernia, ich erinnere mich, dass wir eine ähnliche Frage vor ein paar Monaten oder Jahren hier schon mal hatten; damals hatte jemand einen Artikel verlinkt, bei dem sämtliche Vanen-Nennungen aufgezeichnet wurden, die dann von der Forschung revidiert wurden.
Der Vanenkrieg jedenfalls wird auch in der Völuspá bezeugt, da jetzt ein Verfehlen Snorris hineinzuinterpretieren wäre gewagt, da die Lieder-Edda 1. als älter erachtet wird als Snorris Edda und 2. die Völuspá sogar als noch älter als zu ihrer Niederschrift angenommen wird.

Dass sich die Vanen in irgendeiner Weise von den Asen unterschieden haben müssen, belegt in meinen Augen das Alvíssmál, wo die Vanen unzählige Male neben den Asen als separate Gruppe aufgezählt werden, während ansonsten in jedem Vers ein anderes Volk zu Wort kommt. Zugegebenermaßen zählt das Alvíssmál allerdings meines Wissens nicht zu den älteren Liedern; in einer Gegenargumentation könnte man es also evtl. darauf anlegen, dass der Autor des Liedes einfach nur falsch inspiriert wurde. So oder so, älter als Snorris Schrift ist es allemal.

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Wat'n Hickhack!

Beitrag von Cugernia » 26.03.2018, 20:57

Danke euch beiden. Ich hatte hier im Forum wohlweislich schon mal geschaut, ob ich was dazu finde, bevor ich etwas zum x-ten Mal aufwärme. Konnte aber nichts finden.

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Nebelwolf
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Beitrag von Nebelwolf » 27.03.2018, 15:26

[quote='Waldtochter','index.php?page=Thread&postID=146624#post146624']@Nebelwolf
Das, was wir uns heute unter den Wanen vorstellen ist aber eher an
indoeuropäische Pferdekulte angelehnt, die auch für die germanische Zeit
gut bezeugt sind.
Kannst du das näher beschreiben?[/quote]

Der angehängte Artikel sollte alles behandeln, was es zu dem Thema zu sagen gibt, ansonsten würde ich dich auf den bereits angesprochenen auf dieser Seite verweisen: http://www.eldaring.de/pages/artikel/he ... aeer-1.php

//Nachtrag: 150 KB als Maximalgröße? Sorry, aber dann halt nicht. Reicht bestenfalls für ein paar grottige Bilder aber für keine kompakte PDF...

///Nachnachtrag: Dann zitiere ich den Text einfach, fehlen allerdings die Bilder und das Format:


[align=CENTER][font='Verdana, sans-serif']Die
Wanen in Mythos und Brauchtum
[/font][/align]

[align=CENTER]Lorenz
Frølich (1895) - Gullveig im Wanenkrieg.
[/align]
Als „Wanen“, zu deutsch „die Glänzenden“
bezeichnet man in der germanischen Mythologie eine besondere Gruppe
der Götter, die teils zu den Asen gezählt wird, teils aber auch von
diesen unabhängig gedacht. Vieles über die Wanen liegt im Dunkeln,
und zwar aus folgendem Grund: Die meisten Überlieferungen zu den
Wanen sind tertiär, d.h. erst lange nach der primären germanischen
Zeit und der sekundären Mythen-Literatur des christlichen
Mittelalters entstanden. Besonders die Interpretation von uralten
indoeuropäischen Mythen dagegen rückt die Wanen in die Nähe von
naturverbundenen Pferde- und Sonnenkulten, die Außenseitern
im Götterhimmel geweiht sind.


[align=JUSTIFY][font='Calibri, sans-serif']Der
Krieg der Götterfamilien
[/font][/align]

[align=JUSTIFY]Die altindischen Veden
erzählen von den Asvins, einem göttlichen Zwillingspaar, das
nicht zum Festmahl der anderen Götter, der Devas und Asuras,
zugelassen wird. Daraufhin kommt es zum Konflikt mit dem Donnergott
Indra, der schließlich nachgibt.
[/align]
[align=JUSTIFY]Eine ähnliche Geschichte
wird in der Lieder-Edda, Völuspa 21-26 (Bugge-Zählung)
beschrieben. Snorri Sturluson erklärt diese Strophen etwas
ausführlicher als den Kampf zwischen den Göttersippen der
Asen und Wanen.[/align]
[align=JUSTIFY]Ob dieser Kampf schon in
vorchristlicher Zeit ein Sippenkampf war und die zweite Sippe unter
dem Namen „Wanen“ existierte, ist nicht ganz unbestritten. In der
Völuspa taucht der Begriff „vanir“ überhaupt nur an einer
Stelle auf, nämlich Strophe 24, und möglicherweise gar nicht als
Eigenname („knáttu vanir vígská völlu sporna“ -
„Streitkundige Glänzende betraten das Feld“)
. Man
vermutet daher, dass die Wanen als eigenständige Götterfamilie erst
von Snorri eingeführt wurden, um eine nordische Analogie zum
Trojanischen Krieg
Griechenlands zu schaffen, was ursprünglich
eher ein Kampf zwischen Göttern und Riesen war.[/align]

[align=JUSTIFY][font='Calibri, sans-serif']Die
Geschichte der Wanen
[/font][/align]

Landnahme der
Angelsachsen unter Hengist/Horsa


Namentlich werden als Wanen nur Gullveig (auch Heid?)
und Mimir genannt, dazu der Meeresgott Njörd. Man
zählt außerdem noch dessen Kinder, Freya und Freyr, dazu
(dass Freyr ansonsten als „Schwertase“ bezeichnet wird, spricht
gegen eine völlige Trennung von zwei Göttersippen), manchmal auch
Außenseiter unter den Asen wie Ullr und Tyr. Da bei Snorri von
Njörds Hochzeit mit seiner Schwester die Rede ist, bezeichnet das
wohl die Erdgöttin, die im Grunde denselben Namen trägt wie
er (in deutscher Form Nerda). Für eine Zuordnung der als Ostra
benannten Göttin des Frühlings und der Morgenröte spricht, dass
diese als personal identisch mit Nerda oder Freya gesehen wird. Auch
Baldr, „der Strahlende“, kann den Wanen zugeordnet werden, zumal
er viele Gemeinsamkeiten mit Freyr aufweist.

[align=JUSTIFY]Das Märchen vom
Jungfernblut der Fritilla erzählt von den Erlebnissen der
Wanen mit den Nymphen. Neben dem Trojanischen Krieg wurden die Wanen
auch mit der römischen Geschichte um den Raub der Sabinerinnen
in Verbindung gebracht, ebenso mit der Ankunft der germanischen
Angelsachsen
in Britannien, sowie der Begegnung von Indoeuropäern
und Megalithikern in der europäischen Jungsteinzeit.[/align]
[align=CENTER]Links:
Sternbild der Dioskuren Castor und Pollux.
[/align]


[align=CENTER]Die
Asvins in älterer Darstellung. Quellen unbekannt.
[/align]
[font='Calibri, sans-serif']Pferde- und
Geschlechtskulte
[/font]


[align=JUSTIFY]Der Status von Göttern
wie Njörd, Nerda und Freyr weist darauf hin, dass der Schwerpunkt
ihrer Verehrung an der Nord- und vor allem Ostsee
lag, wo auch
die Angeln mit ihren Führern Hengist („Hengst“) und Horsa
(„Pferd/Stute“) ihren frühen Wohnsitz hatten. Für die
altgermanische Zeit ist ein ähnliches Zwillingspaar belegt, die
Alken, das den griechischen Dioskuren und den baltischen
Ašvieniai entspricht (deren Namen wiederum wie der der indischen
Asvins von „Pferd“ kommt).[/align]

[align=CENTER]Pferdegiebel
auf dem Thomas-Mann-Haus in Nidda. Foto: Vonsoeckchen.
[/align]
Das mit den Pferden verbundene göttliche Brüderpaar hat
außerdem eine Schwester, die bei Indern und Balten als
Sonnentochter bezeichnet wird. Sie hat bei den Germanen keine
Entsprechung, ebensowenig bei den Griechen, wo die Dioskurenschwester
Helena als Vegetationsgöttin an ihre Stelle tritt. Mit ihr
sind die beiden Brüder sehr eng verbunden, zumeist sogar
verheiratet. Aus den alten Quellen der germanischen Mythologie lässt
sich ein Paar Fol und Folla ableiten. Deren Identifikation mit
bekannten (Wanen-?)göttern wie Freya, Freyr und Baldr (da
Baldr Freyr in vielem ähnlich ist und sehr deutlich mit dem Pferd
verbunden + sterben kann, wie es auch einer der Brüder bei Griechen
und Balten tut), ist nicht ganz ohne Probleme, weil die
Sonnenpferdgeschwister eigentlich sonst nie mit Hochgottheiten
identifiziert werden. Allerdings wird zumindest Freyr und Freya eine
Geschwisterehe nachgesagt, wie sie ja auch schon von ihren
Eltern Njörd und Nerda erzählt wird.


[align=JUSTIFY][font='Calibri, sans-serif']Die
Wanen als Naturgötter
[/font][/align]

[align=JUSTIFY][font='Times New Roman, serif']Diese
Geschwisterehe ist ein Beispiel dafür, dass man den Wanen eine von
der Gesellschaft stark
[/font][font='Times New Roman, serif']abweichende
Sexual- und Sozialnorm
[/font][font='Times New Roman, serif']
zuspricht, die Inzest ebenso einschließt wie Transgender (es wird
berichtet, dass die n
[/font][font='Times New Roman, serif']aharnavalischen
[/font][font='Times New Roman, serif']Alken-Priester[/font][font='Times New Roman, serif']
im Hain der Heiligen Pferde
[/font][font='Times New Roman, serif']Frauenkleider[/font][font='Times New Roman, serif']
trugen), Promiskuität und Polygamie.
[/font] Auch allgemein
scheinen gesellschaftliche Hierarchien bei den Wanen auszufallen –
sie gelten quasi als die radikalen Hippies des germanischen
Götterhimmels (was nicht ausschließt, dass sie im Übrigen mächtige
Kämpfer
sind).[/align]
[align=CENTER]Links:
Der Wanenstein an der Don-Quelle in Nowomoskowsk, Russland. Foto:
Alexander Roumega

[/align]


[align=CENTER]Rechts:
Wanenheim von Voenix.
[/align]
Manche rücken die Wanen auch in die Nähe der
(megalithischen?) Bauern, wobei der bäuerliche Donnergott
nicht zu den Wanen gezählt wird. Auch hier wirkt die Trennung also
wieder sehr konstruiert. Schon Snorri bringt die Wanen aber auch mit
den Göttern am Don, dem „Vanakvisl“, als Heimat
der Ungarn und Finnen in Verbindung. In der Mythologie ist Vanaheimr
die Heimat der Wanen, eine der 9 Welten, in deren Interpretation und
Erfahrung sich viele der oben beschriebenen Eigenschaften treffen.

[align=JUSTIFY][font='Calibri, sans-serif']Literatur:
Oertel, Kurt: Die germanische Religion; Simek, Rudolf: The Vanir.
[/font][/align]
Zuletzt geändert von Nebelwolf am 27.03.2018, 15:31, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag von Waldtochter » 27.03.2018, 18:01

@Cugernia,

ich hab nochmal gesucht und tatsächlich war das eine Diskussion, die in einer anderen entstand. Hier ist der Link: Teil der Natur



@Nebelwolf,

Danke für das Reinkopieren!
Ich muss zugeben, dass mich der Artikel nicht umhaut. Da scheinen mir ein paar Dinge nicht beachtet worden zu sein bzw. es werden ein paar Verbindungen gezogen, mit denen ich vorsichtig wäre. Naja.

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Beitrag von Nebelwolf » 27.03.2018, 22:03

Da scheinen mir ein paar Dinge nicht beachtet worden zu sein bzw. es werden ein paar Verbindungen gezogen, mit denen ich vorsichtig wäre.
Dann sag an. Dafür sind wir ja hier im Forum ;-)
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Beitrag von Waldtochter » 29.03.2018, 15:43

Als „Wanen“, zu deutsch „die
Glänzenden“

Meines Wissens ist der Name stark umstritten. Simek und
Krause enthalten sich bspw. vollkommen einer Angabe und schreiben lediglich,
dass es keine gesicherte Deutung gibt. Chiesa Isnardi setzt es mit „Freund“
Altnordisch vinr in Verbindung. „Glänzende“ alleinstehend findet sich
eigentlich nur auf Wikipedia, was ich mal nicht als Quelle für Oertel annehmen
möchte. Golther (wohl Wikipedias Quelle) erwähnt „Glänzende“ als Übersetzung,
die er wiederum von Grimm hat, räumt allerdings ein, dass „die Ansichten darüber
auseinandergehen“. Die moderne Forschung vertritt dazu offensichtlich eine
andere Auffassung wie oben gesagt.

Man schaue auch bei Köbler Gerhard unter den Silben „van“,
„vana“, „vani“ und „vanr“ nach.




Die meisten Überlieferungen zu den
Wanen sind tertiär, d.h. erst lange nach der primären germanischen Zeit und der
sekundären Mythen-Literatur des christlichen Mittelalters entstanden.


Hier stehe ich z.B. auf dem Schlauch. Da würde mich interessieren,
was diese „meisten Überlieferungen“ sind, die nicht zur sekundären
Mythen-Literatur des christlichen Mittelalters gehören. Nennungen der Vanen hätte
ich nun Lieder- und Snorra Edda zugeordnet, maximal vielleicht einer
Skaldenstrophen oder einer Saga, aber das wäre reine Vermutung.

Ich überlege, was danach noch an Vanen-Überlieferung
gekommen sein mag?

Isnardi führt bei ihren Quellen bspw. ausschließlich die
Völuspá, Gylfaginning, Skáldskapamál, Ynglinga saga, Vafþrúðnismál, Þrymskviða,
Skírnismál, Sigrdrífumál, Lokasenna (in Bezug auf den Inzest) auf. Als Skalden,
die die Vanen nennen, erwähnt C. Isnardi Þórðr Sjáreksson und Einarr
Skúlason. Alles Quellen, die in Oertels Aufstellung als sekundär zu bewerten
wären. Von welchen tertiären Quellen, die zudem noch „die meisten“ sein
müssten, spricht er?


Die altindischen Veden erzählen von den Asvins, einem
göttlichen Zwillingspaar, das nicht zum Festmahl der anderen Götter, der Devas
und Asuras, zugelassen wird. Daraufhin kommt es zum Konflikt mit dem Donnergott
Indra, der schließlich nachgibt.



Eine ähnliche Geschichte wird in der Lieder-Edda, Völuspa
21-26 (Bugge-Zählung) beschrieben.


Mal abgesehen davon, dass ich kein Freund vom wilden Vergleichen
zwischen zwei Kulturen bin, die trotz vermeintlicher mythologischer Nähe eine
ziemlich große geografische Distanz zwischen sich haben, sehe ich keinen Zusammenhang
zwischen den beiden Geschichten. Das Festmahl erinnert wennschon eher an Lokis
Zankreden; aber der Streit zwischen Asen und Vanen hat ja bekanntlich eine
andere Ursache.

Interessant finde ich in dem Zusammenhang einzig, dass Indra
erwähnt wird, wie Thor sowohl beim Vanenkrieg als auch bei Lokis Zankreden
erwähnt wird, im Gegensatz zu Indra aber beide Male nicht nachgibt.


Ob dieser Kampf schon in vorchristlicher Zeit ein
Sippenkampf war und die zweite Sippe unter dem Namen „Wanen“ existierte, ist
nicht ganz unbestritten. In der Völuspa taucht der Begriff „vanir“ überhaupt
nur an einer Stelle auf, nämlich Strophe 24, und möglicherweise gar nicht als
Eigenname („knáttu vanir vígská völlu sporna“ - „Streitkundige Glänzende
betraten das Feld“)

An dieser Stelle wäre es eben wichtig gewesen, wenn Oertel
darauf hingewiesen hätte, dass es gar nicht so sicher ist, was Vane überhaupt
bedeutet.

Des Weiteren unterschlägt er Strophe 24 der Völuspá(nach Codex
Regius-Zählung; dort wäre die Strophe, die Oertel meint, Nummer 25), wo es
heißt, die Asen würden darüber beraten, ob sie Zins zahlen sollten oder alle
Götter Opfer haben (lose zitiert nach Genzmer) („hvárt skyldu æsir | afráð
gjalda | eða skyldu goðin öll | gildi eiga“). Hier wird also klar eine Grenze
gezogen Asen vs. alle anderen Götter. Man kann natürlich interpretieren, dass
das x-weitere Familien betrifft, da an dieser Stelle aber nur die Vanen genannt
werden, und das eben auch einmal namentlich, steht doch zu vermuten, dass sie
als Gegenfamilie gemeint sind.


Man vermutet daher, dass die Wanen
als eigenständige Götterfamilie erst von Snorri eingeführt wurden, um eine
nordische Analogie zum Trojanischen Krieg Griechenlands zu schaffen, was
ursprünglich eher ein Kampf zwischen Göttern und Riesen war.

Hier wurde bisher bloß eine einzige Nennung in der Völuspá
genannt und revidiert. Was ist mit all den anderen Nennungen in den anderen
Liedern, wie etwa der Alvíssmál? Oder der Skírnismál 37, wo es nach Simrock
übersetzt heißt (Gerd gibt Skírnirs Drohungen nach): Ahnte mir doch nie, dass
ich einen würde vom Stamm der Wanen erwählen.

Oder Vafþrúðnismál 38-9 (immer nach
Simrock): „Odin: Sag‘ mir zum zehnten, wenn der Götter Zeugung du weißt,
Wafthrudnir, wie kam Niördr aus Noatun unter die Asensöhne? Höfen und
Heiligtümern hundert gebietet er und ist nicht asischen Ursprungs. Wafthrudnir:
In Wanaheim schufen ihn weise Nächte und gaben ihn Göttern zum Geisel. Am Ende
der Zeiten soll er aber kehren zu den weisen Wanen.“


Da finde ich die Unterscheidung in Asen und Vanen
überdeutlich. Und anstelle der schwierigen Zeile in der Völuspá wäre es zur
Untermauerung der These vielleicht besser gewesen, eine von diesen
beweiskräftigeren Strophen zu widerlegen.


(dass Freyr ansonsten als
„Schwertase“ bezeichnet wird, spricht gegen eine völlige Trennung von zwei
Göttersippen)

Ganz im Gegenteil, die Vanen, die zu den Asen kommen, werden
des Öfteren als Asen bezeichnet. Mal abgesehen davon, dass der Begriff Ase
generell sehr allgemein verwendet wird, was aber nicht auf eine unklare Grenze
des Wortes hindeutet, sondern auf eine große Wichtigkeit der Familie, sodass
sie synonym für Götter allgemein verwendet wird. Eine ähnliche Vorgehensweise
finden wir auch bei Týr, der – obwohl er nicht Odin ist – in dessen Namen
Fimbultýr auftaucht.


manchmal auch Außenseiter unter den
Asen wie Ullr und Tyr. […] Auch Baldr, „der Strahlende“, kann den Wanen
zugeordnet werden, zumal er viele Gemeinsamkeiten mit Freyr aufweist.

Hier würden mich die Quellen interessieren, weil das nicht
ganz unwichtig wäre. Insbesondere Balder als klassischer Odinssohn, ist ja
eigentlich ein ebenso klassischer Ase. Gleiches bei Týr.

Da würde mich interessieren, ob das aus tatsächlichen
Quellen herausgelesen wurde oder es sich auf eine heutige Betrachtung bezieht: „Da
Vane dieses und jenes impliziert, passt der Begriff vom Sinn her auch für
Uller, Týr und Balder.“ Ist das so gemeint?


Das Märchen vom Jungfernblut der
Fritilla erzählt von den Erlebnissen der Wanen mit den Nymphen. Neben dem
Trojanischen Krieg wurden die Wanen auch mit der römischen Geschichte um den
Raub der Sabinerinnen in Verbindung gebracht, ebenso mit der Ankunft der
germanischen Angelsachsen in Britannien, sowie der Begegnung von Indoeuropäern



und Megalithikern in der
europäischen Jungsteinzeit.


Das ist mir zu schwammig. Von wem wurden sie damit in
Verbindung gebracht? Von Wissenschaftlern? Von Hobbyautoren? Ich erinnere mich
an Ralph Metzler, der letztere These vertreten hat, aber der ist bei allem
Respekt kein vertrauenswürdiger Name auf diesem Gebiet.


wo auch die Angeln mit ihren Führern
Hengist („Hengst“) und Horsa („Pferd/Stute“) ihren frühen Wohnsitz hatten. Für
die altgermanische Zeit ist ein ähnliches Zwillingspaar belegt, die



Alken, das den griechischen
Dioskuren und den baltischen Ašvieniai entspricht (deren Namen wiederum wie der
der indischen Asvins von „Pferd“ kommt).


Wo ist da jetzt der Zusammenhang zu den Vanen, in deren
Namen ja bisher kein Pferd erkannt wurde? Indem vorher der Streit zwischen
Asvins und Devas + Asuras erwähnt wurde und diese jetzt wieder hervorgeholt
werden, wird eine Beziehung und Verwandtschaft zu den Vanen suggeriert, die
genau genommen nirgendwo belegt wurde. Selbst wenn die Asvins mit Hengist und
Horsa oder den Alken in Verbindung gebracht werden können, stellt sich mir
immer noch die Frage, wo die Vanen sind? Dass Hengist/Horsa und die Alken
wiederum Vanen waren, ist ja auch nur reine Spekulation, deren einzig
dargelegter Beweis der ist, dass sie am selben Ort verehrt wurden, wo die
Angeln mit H&H loszogen.


Das mit den Pferden verbundene
göttliche Brüderpaar hat außerdem eine Schwester, die bei Indern und Balten als
Sonnentochter bezeichnet wird. Sie hat bei den Germanen keine Entsprechung,
ebensowenig bei den Griechen, wo die Dioskurenschwester Helena als
Vegetationsgöttin an ihre Stelle tritt. Mit ihr sind die beiden Brüder sehr eng
verbunden, zumeist sogar verheiratet. Aus den alten Quellen der germanischen
Mythologie lässt sich ein Paar Fol und Folla
ableiten. Deren Identifikation mit bekannten (Wanen-?)göttern wie Freya, Freyr
und Baldr (da Baldr Freyr in vielem ähnlich ist und sehr deutlich mit dem Pferd verbunden + sterben kann, wie es
auch einer der Brüder bei Griechen und Balten tut), ist nicht ganz ohne
Probleme, weil die Sonnenpferdgeschwister eigentlich sonst nie mit
Hochgottheiten identifiziert werden. Allerdings wird zumindest Freyr und Freya
eine Geschwisterehe nachgesagt, wie sie
ja auch schon von ihren Eltern Njörd und Nerda erzählt wird.

Das ist kaum haltbar, muss aber gar nicht wiederlegt werden,
da Oertel selbst sagt: „Sie hat bei den Germanen keine Entsprechung“ und „Deren
Identifikation mit bekannten (Wanen-?)göttern (…) ist nicht ganz ohne Probleme,
weil die Sonnenpferdgeschwister eigentlich sonst nie mit Hochgottheiten identifiziert
werden“.


die Inzest ebenso einschließt wie
Transgender (es wird berichtet, dass die naharnavalischen



Alken-Priester im Hain der Heiligen
Pferde Frauenkleider trugen)


Wo genau wurde jetzt eine direkte Beziehung zwischen Vanen
und Alken(-priestern) hergestellt?


Manche rücken die Wanen auch in die
Nähe der (megalithischen?) Bauern, wobei der bäuerliche Donnergott nicht zu den
Wanen gezählt wird. Auch hier wirkt die Trennung also



wieder sehr konstruiert.

Wo ist das denn konstruiert, wenn Thors Vater Ase ist und
die Vanen ein anderes Geschlecht bezeichnen? Konstruiert ist das höchstens in
einer Interpretation des germanischen Götterhimmels im Sinne C. G. Jungs und
seiner Archetypen, wo man die Götter nach Aufgabenbereichen, nicht nach ihrer
Abstammung einordnet.


Schon Snorri bringt die Wanen aber
auch mit den Göttern am Don, dem „Vanakvisl“, als Heimat der Ungarn und Finnen
in Verbindung.

Snorri schreibt auch, dass die Asen aus Asien kommen.
Solcherlei geographische Zuordnung müsste ein bisschen relativiert werden. (Es
ist erstaunlich, dass dieses Zitat nämlich so klaglos übernommen wird, während
man Snorris Interpretation einer vanischen Götterfamilie als eigenständige
„Einführung“ bzw. Erfindung betrachtet wird. Übrigens muss man auch unterscheiden,
dass diese geographische Zuordnung und die oben erwähnte trojanische
Gleichsetzung im Prolog der Edda stehen – wo Snorri den Glauben an die alten
Götter zu relativieren und erklären versucht – während die Vanen als eigene
Familie v.a. im darauffolgenden Text der Gylfaginning und Skáldskarpamál im
mythologischen Kontext dargestellt werden).


In der Mythologie ist Vanaheimr die
Heimat der Wanen, eine der 9 Welten, in deren Interpretation und Erfahrung sich
viele der oben beschriebenen Eigenschaften treffen.

Was ist mit „Interpretation und Erfahrung“ gemeint?
Esoterische Weltenreisen des Geistes? Und welche beschriebenen Eigenschaften im
Präzisen?

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Markus Nicklas
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Beitrag von Markus Nicklas » 20.04.2018, 10:17

scheint dazu sich ein paar Gedanken gemacht zu haben:


Abstract: This article focuses on the recurring motifs concerning
the peculiarities of the religion of the gods referred to as the Vanir,
drawing on a range of Old Norse accounts from diffrent times
including Landnámabók, Gísla saga Súrssonar, Hrafnkels saga, Vatnsdæla
saga, Ynglinga saga, Gunnars þáttr helmings, Gesta Danorum, and more.
Many of the aforementioned motifs (commonly concerning ritual
activities, religious centers, female religious leaders, and particular
types of animal) tend to be unexplained in the texts. Their recurring
patterns in the narratives nonetheless imply that in the oral traditions
of Norway and Iceland people seem to have viewed the religious
activities connected with the “Vanir” (with their center in Sweden) as
having been different in nature to those encountered elsewhere. They
also seem to have envisaged closer connections between the Vanir and
the landscape than existed between the Æsir and the natural environment.
This evidence lends weight to the argument that, in spite of
recent arguments to the contrary, the religions associated with the
Vanir and the Aesir gods had a different nature and origin.

aus:

Blótgyðjur, Goðar, Mimi, incest, and wagons
oral Memories of the religion(s) of the Vanir

Terry Gunnell
University of iceland
Markus (Adolfo Amadeus) Nicklas

"Ironie ist systembestätigend."
Christoph Schlingensief

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