Simek - Religion und Mythologie der Germanen

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Waldtochter
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Simek - Religion und Mythologie der Germanen

Beitrag von Waldtochter » 13.11.2016, 18:53

Habe letztens mit jemandem über dieses Buch gesprochen und bin nun etwas unschlüssig, was ich davon halten soll.

https://www.amazon.de/dp/3806229384/ref ... JE6X4GJMT9


Ich hatte immer eine sehr hohe Meinung von Simek, habe hier auch irgendwo sein Lexikon zur germanischen Mythologie stehen und ich weiß noch, dass er an der Uni einer der fünf ganz Großen war, die immer wieder als wichtigste deutsche Wissenschaftler in dem Bereich genannt wurden. Eine Kommilitonen hatte ihn sogar als Dozent in Bonn und schwärmte in höchsten Tönen.

So.

Und dann schaue ich mir die Leseprobe an und stoße auf Sätze wie
Ein wesentlicher Unterschied zum stillen, fast heimlichen Glauben an die Matronen ist der aktuelle politische Hintergrund der "Asengläubigen", also derjenigen, die an die Götter des altskandinavischen Pantheons glauben wollen. Es geht hier nicht (nur) um eine Religion, sondern auch um den Versuch, einer gesellschaftspolitischen Unzufriedenheit eine gewisse geistige Struktur zu geben.
Es sind aber nicht nur die Ewiggestrigen, die ihre eigene Zeit so sehen oder sehen wollen, es sind vielfach auch die Unterprivilegierten die kaum eine andere Wahl haben, als unsere Zeit so zu sehen.
Da dies in der jüngeren Geschichte ohne Geschichtsfälschung nicht gut möglich ist, machen sie einen großen Sprung zurück zu einer alten, vermeintlich noch unverdorbenen, unschuldigen Ideologie, nämlich dem archaischen und zweifellos primitiveren Heidentum der Germanen.
Es sind eine ganze Reihe von nicht immer in Verbindung stehenden Gründen, warum und welche Menschen sich noch an der Wende vom 20. zum 21. Jh. einer neugermanischen Religion zuwenden. Dazu zählen Rassismus und Fremdenhass, die eine sog. "arteigene" Religion als Antwort auf die internationalisierten Hochreligionen erscheinen lässt; auch zählt dazu die Unzufriedenheit mit einem besonders heute scheinbar "schwachen", durch Massenaustritte geschwächten, von Skandalen geschüttelten und oft kaum mehr für die Gesellschaft repräsentativen Christentum; ferner gehören dazu Kulturpessimismus und Fortschrittsfeindlichkeit (...) und letztlich gehört dazu auch - vielleicht überraschenderweise - ein ökologischer Fundamentalismus, der in der Kombination von "Blut und Boden" das zweite Element favorisiert und in einer Vereinigung von völkischem, esoterischem und ökologischen Gedankengut mit der Rückkehr zu einer vorindustriellen, agrarischen Religion eine Lösung der umweltpolitischen Fragen anstrebt.
Da nach dem Ende des real existierenden Sozialismus auch der politische Atheismus marxistischer Prägung seine Grundlagen weitgehend verloren hat, sind es häufig genug esoterische Bewegungen, die ein SInnangebot vermitteln wollen, und die "Religion der alten Germanen" ist nur eine aus einem breiten Spektrum von Pseudoreligionen, aber eine, die besonders an völkisch-nationale Kreise appelliert.
Tja, kurz: Ich bin entsetzt. Kennt jemand das Buch? Was sagt ihr zu diesen Äußerungen?

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Ulson
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Beitrag von Ulson » 13.11.2016, 19:34

Ich habe das Buch ebenfalls in den Händen gehabt, und mich genauso gewundert.

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Markus Nicklas
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tut es weh?

Beitrag von Markus Nicklas » 14.11.2016, 07:53

... dann frage ich mich warum.

Herr Simek weiß ganz genau, warum und weswegen er sich so pointiert äußert. Ich gehe mit der Absicht nicht darauf ein, weil ich es sonst riskiere aus diesem Forum geworfen zu werden. Es gibt hier ein paar mir persönlich bekannte Leute, mit denen ich hier Kontakt halten will. Allerdings kann ich in meinem Blog dazu schreiben, was ich meine.

Nach meiner Exkursion von gestern ist mir heute Morgen in den Sinn gekommen, dass ich gestern tatsächlich eine Zeitreise unternommen habe, bei der ich auch bei den Riesen zu Gast gewesen bin.

Nochmals meine Empfehlung von Armann Jakobssons Artikel an dieser Stelle.

:)
Markus (Adolfo Amadeus) Nicklas

"Ironie ist systembestätigend."
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literatomorph
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Beitrag von literatomorph » 14.11.2016, 09:07

Ich bin erschüttert.
Wie kann man sich so verallgemeinernd, boshaft und angriffslustig über Glaubensgemeinschaften äußern?
Für mich persönlich eine schallende Ohrfeige von einem Mann der es besser wissen müsste!
Invere Ing

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Waldtochter
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Beitrag von Waldtochter » 14.11.2016, 10:44

@Adolfo, und was habend dir die Riesen Schönes über Simek erzählt?

Wobei mich diese Meinung wirklich interessieren würde, für die du aus dem Forum fliegen könntest. Die einzige Meinung, bei der mir so etwas wahrscheinlich schiene, scheint mir auf dich nicht wirklich zu passen.



@litertomorph, das beschreibt mein Empfinden ziemlich gut ...

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Heidan Frihals
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Beitrag von Heidan Frihals » 14.11.2016, 11:18

Ich habe mir das Lexikon auch gekauft, weil es als Nonplusultra gilt, wenn es um Nachschlagewerke zur Germanischen Religion geht. Was die Äußerungen von Simek betrifft, so verwundert und verletzt mich das schon etwas. Sicher gibt es diese völkisch-nationalistischen Kreise, zu denen ich mich aber nicht zähle. Ich bin ein friedliebender (wenn auch wehrhafter) Mensch, der an die Götter glaubt. Dass andere Menschen an andere Götter glauben macht sie weder besser noch schlechter. Es macht sie "anders" und das definiere ich nicht negativ. Von einem Akademiker, der zudem als Koryphäe in dieser Thematik gilt, erwarte ich Differenzierung und nicht beleidigende, herablassende Verallgemeinerungen.
Naht in Ehrfurcht, naht in Andacht,
Und was unhold, bleibe ferne;
Unsre Zeugen sind die Götter,
Stummer Wald und stille Sterne.

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Beitrag von literatomorph » 14.11.2016, 11:41

Ich wette der hat sich nicht länger als ein paar Minuten mit den verschiedenen Vereinen und Gruppen befasst.
Der Eldaring zB ist der größte Heidenverein in Deutschland und ich kann beim besten Willen keine dieser Unterstellungen von Herrn Simek feststellen.
Wenn man sowas in ein Buch schreibt erwarte ich zumindest eine oberflächliche Beschäftigung. Er könnte sich jederzeit an uns wenden und würde auf freundliche Dialogbereitschaft stoßen, aber das ist anscheinend zuviel verlangt :cursing:
Die Härte ist dann noch nach den ganzen Nazi und Esotherikvorwürfen auch noch der Schlag unter die Gürtellinie mit den Unterprivilegierten... wie vermessen und arrogant...pfui!
Invere Ing

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Beitrag von Ulson » 14.11.2016, 13:39

Adolfo....

Ja, es tut weh.

Aber nur in diesem Sinne, dass EGAL wer sich outet, sich mit dem Germanischen Heidentum zu beschäftigen, genau mit diesen Vorurteilen zu kämpfen hat.
Ja, es gibt all diese genannten Gruppen, die Simek genannt hat.
Aber genau mit denen möchten die meisten normal denkenden Heiden wohl nicht in einen Topf geworfen werden.

Von jemandem der ein Buch über z.B. Homosexualität in Deutschland aus wissenschaftlicher Sicht schreibt, erwartet man ja auch zurecht nicht, dass er im Vorwort schreibt: "Schwule sind meist entweder perverse ..... missbrauchte kleine Opfer ... oder Schwuchteln die auf dem CSD Drogen nehmen. Aber Schwule sind nur eine Minderheit, deswegen müssen wir nicht befürchten, dass sie in Deutschland mehr werden."
(Klar war das nun überspitzt und natürlich nicht meine Meinung etc - es geht nur um ein Beispiel von Vorurteilen, aber: )
Genauso wie es diese Gruppen sicherlich auch irgendwo gibt, gibt es auch den Homosexuellen, der einfach einen Mann liebt, wie ein anderer eine Frau. Fühlt der sich wohl, mit solchen Gruppierungen in einen Topf geworfen zu werden? Nein. Zurecht nicht.

Würdest Du den auch fragen: "Tut es weh?"
Glaube ich nicht.

(Nochmal: Klar, das war überspitzt formuliert. Aber bei jemandem, der sich so mit dem Thema auseinandersetzt, hätte ich mir zumindest gewünscht, dass er eine andere Meinung hat. Das Leben ist kein Wunschkonzert, aber dann darf man sich auch nicht wundern, wenn das Heidentum immer noch so schwer mit seinem Ruf zu kämpfen hat, wenn selbst von wissenschaftlicher Seite sowas kommt. Habe da auch schon die ein oder andere Erfahrung gemacht, dass es zwar ganz toll und intellektuell ist sich mit irgendwelchen Archäologischen und geschichtlichen Sachen auseinanderzusetzen, alles andere aber nur belächelt wird. Egal ob fundiert, belegbar etc.
Aber das Geld was mit solchen Büchern aus der "unterprivilegierten Heidenszene" - wer kauft solche Bücher sonst großartig auf dem "zivilen" Markt? - eingenommen wird, ist natürlich willkommen. Schade.
Und ich fände es ja nachvollziehbar, wenn jemand mit dem Wissen von Simek mal mit einigen "Fehldeutungen" usw. aus der Neopaganen Ecke "aufräumen" wollen würde. Im Das wäre ja sogar hilfreich! Oder er sich einfach neutral abgrenzen wollen würde. Aber einfach so oberflächlich loszubashen.... Naja.)
Zuletzt geändert von Ulson am 14.11.2016, 15:25, insgesamt 4-mal geändert.

volker
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Ich würde Herrn Prof. Dr. Simek gerne mal zu mir nach Hause

Beitrag von volker » 14.11.2016, 15:21

Schade solche Aussagen wie die oben zitierten, aus dem Buch von Herrn Prof. Dr. Simek hier lesen zu müssen. Da ich mir den Schuh zu den genannten Aussagen ganz sicher nicht anziehen muss, tut es mir nur insofern weh, dass hier ganz allgemein, und völlig zu Unrecht eine Verallgemeinerung, bezogen auf die Mehrzahl der heutigen, modernen Heiden stattfinden könnte, die diesen nicht gerecht wird.
Lieber Herr Simek, sollten sie diese Zeilen hier je erreichen oder bekannt werden, meine Einladung an Sie ist durchaus ernst gemeint. Gerne dürfen Sie sich bei mir zu Hause, im Kreise meiner Familie ein Bild davon machen, ob heutige, moderne Heiden tatsächlich allgemein bildungsfern, erfolglos, ewig gestrig, radikal oder unterprivilegiert sein müssen. Gerne können Sie sich hiervon bei Kaffee, Tee und Kuchen ein Bild machen, bei der Gelegenheit darf ich Ihnen unseren selbstgebackenen Kuchen wärmstens empfehlen, schon alleine der dürfte einen Besuch wert sein. Ich bin für Sie, falls Sie meiner Einladung folgen möchten über dieses Forum oder den Eldaring e.V. jederzeit erreichbar. Mit freundlichen Grüßen, Volker.
Zuletzt geändert von volker am 14.11.2016, 17:11, insgesamt 2-mal geändert.

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*lach*

Beitrag von Markus Nicklas » 14.11.2016, 15:23

nach meinem zum Glück kurzen emotionalen, auf mich selbst beschränkten Ausraster kam dann das Beuys-Zitat (siehe Blog), und danach habe ich den Anfall Selbstmitleid in Nagapromotion umgesetzt, das Sutra als Inspiration verwendet, um hiesige Forscher und Praktiker zum Mitmachen zu bewegen

Wolf-Dieter Storl
Ethnobotanisches Institut an der Uni Zürich
ein Dr med der Traditionell Chinesischen Medizin, der an einem Privatinstitut lehrt
und Dr. Sarah Moritz

ja, Riesen, wird wohl so sein - erdgeschichtlich stimmt das auf jeden Fall

und Größenwahn ist ein Riesengefühl

:)
Markus (Adolfo Amadeus) Nicklas

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ja, wenn Du ihn das tatsächlich wissen lassen willst, dann .

Beitrag von Markus Nicklas » 14.11.2016, 15:39

[quote='volker','index.php?page=Thread&postID=143485#post143485']Lieber Herr Simek, sollten sie diese Zeilen hier je erreichen oder bekannt werden, meine Einladung an Sie ist durchaus ernst gemeint.[/quote]

... das Problem, dem ich auch immer wieder begegne in Kontakt mit Wissenschaftlern ist, dass einige den Kontakt scheuen, weil sie dadurch in der akademischen Welt zu verbrennen fürchten, sie sehr limitiert an Zeit sind und bis jetzt, bis jetzt keinen Sinn darin sehen, sich auf eine populäre Ebene zu begeben. Mir geistern immer wieder die Sonderausgaben von Printmedien durch den Kopf, doch die auf den Schirm zu nehmen, dass möge jemand anders tun. Diese ganzen Geschichts- und Wissenschaftsmagazine.

Das erfordert Geduld von mir, Beharrlichkeit und die Fähigkeit mich "meinen Riesen zu stellen", Delling zu preisen, mir die Leute zu merken, deren Arbeit ich schätze und weiterhin in den Fluten der Publikationen zu paddeln. Klar, dabei fühle ich mich wie ein Spielball.

Manchmal wage ich persönliche Bekundungen. Nicht immer. Allerdings ist es so für mich, dass es mehr und mehr Forscher gibt, die differenziert aufklären und das vor allem in ihrer eigenen Zunft, was wiederum inspirierend für mich sein kann, wenn ich an die Beziehung der Graichen zum Jankuhn denke, *seufzer*

... dann, Volker, schreib ihm einen herzhaften Brief an die Uni in Bonn. "Kommunikation ist ein Angebot" frisch von der Leber weg.

:)
Markus (Adolfo Amadeus) Nicklas

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Gute Idee,

Beitrag von volker » 14.11.2016, 15:44

mache ich doch promt. Gruß Volker

volker
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Einladung abgeschickt

Beitrag von volker » 14.11.2016, 16:55

So die schriftliche private Einladung an Herrn Prof. Dr. Simek, zu mir nach Hause, ist soeben abgeschickt. Sollte tatsächlich eine Reaktion erfolgen teile ich dies hier gerne mal kurz mit. Gruß Volker
Zuletzt geändert von volker am 14.11.2016, 17:20, insgesamt 4-mal geändert.

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Waldtochter
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Beitrag von Waldtochter » 14.11.2016, 18:36

Super, Volker :thumbsup:


Hast du selbiges geschrieben wie in den Zeilen oben?

Khorud
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Beitrag von Khorud » 14.11.2016, 22:02

Er pauschalisiert nicht. Er schreibt immer von häufig oder oftmals, ab da an sollte man versuchen zu differenzieren und zu reflektieren. Ganz so Unrecht hat er nicht. Warum glaubt man an keine griechischen Götter oder an irgendein anderes Pantheon? Den Bezug zur germanischen Religion stellt man halt her, weil man hier in Deutschland mal geboren wurde und glaubt, dass die Götter vor 1400 Jahren ihre Legitimation nicht verloren haben, obwohl man recht wenig weiß über das Glaubenssystem der Germanen ( und dennoch nutzt man dann die Religion als Identifkations mittel was verbinden soll). Er beschreibt auch sehr direkt die Romantik die viele Heiden betreiben in dem archaische Zeiten beschönigt werden. Es wird ein Bild der alten Germanen vermittelt, die mit der Realität von damals wenig zu tun haben wird oder wenn Götter quasi als Christusersatz genommen wird und gewisse Götter positiver dargestellt werden als sie in Wirklichkeit sind

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