Mission Sitting Bull

religionswissenschaftliche und historische Themen ausserhalb des germanisch/skandinavischen Kontexts
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Markus Nicklas
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Mission Sitting Bull

Beitrag von Markus Nicklas » 18.09.2017, 09:54

am Wochenende habe ich bei meiner Tante dies Buch gesehen und sie hat es mir gleich geliehen. Ein Zitat gleich zu Beginn gruselt mich, denn es stellt die Zeitspannen der Mission in Europa und der amerikanischen Ureinwohner ins Verhältnis. Das Buch scheint meine Idee zu befördern, dass eine Besinnung auf eigene Wurzeln dadurch bereichert wird, dass ich mich den Folgen europäischer Kolonisation bei anderen Völkern widme.

Mal gucken, dass ich dies Thema zum Anlass nehme, Leseberichte zu schreiben. Ich befürchte, dass das schmerzhafte Erfahrungen werden.

https://www.schoeningh.de/katalog/titel ... 379-0.html
Markus (Adolfo Amadeus) Nicklas

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Nebelkrähe
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Beitrag von Nebelkrähe » 22.09.2017, 10:15

oh ja, das Zitat ist wirklich erschreckend :S
Die Große Mutter wählt keine Seite und wertet die Taten der Menschen nicht. Sie IST einfach. Es liegt am Menschen ob er ihr Schaden zu fügt und damit sich selber oder nicht.

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Markus Nicklas
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mni wiconi

Beitrag von Markus Nicklas » 23.09.2017, 14:36

neulich besuchte ich Hermann und Petra in Herford, und die Rede ist darauf gekommen, dass der ER als Verein sich Stellungnahmen zu den Geschehenissen in Süd-Dakota zum Pipelineprojekt sparen darf. Dem stimme ich zu. Als Privatperson jedoch mute ich mir zu, das zu sehen und so weit ich kann, mich zu engagieren. Deswegen trage ich so einen hoodie "stand with the standing rock". Ohne jemanden zitieren zu wollen, ist es den maßgeblichen Organisatoren der Proteste von Anfang an klar gewesen, dass die Anlage durch ihnen heiliges Land gebaut wird, auch wenn es zwischendurch so aussah, als ob sie einen Erfolg errungen hätten.

Was also habe ich als Europäer mit der Missionsgeschichte der Sioux zu tun? Zwei meiner Urgroßonkel sind nach Amerika ausgewandert. Das muss so um 1900 gewesen sein. Richtig, die Mission der Sioux ist auf katholische Fahnen geschrieben, fand jedoch auch als Konkurrenz zur vornehmlich protestantischen Kultur statt, und das Vorgehen ist maßgeblich durch deutschsprachige Leute geprägt gewesen. Ich kann also aus dem Geschehen etwas von der Mentalität abstrahieren, die 1200 Jahre zuvor die Mission in Zentraleuropa voran getrieben hat. Mindestens kann ich das als Anlass verstehen, wie und warum eine Religion als politisches Instrument Verwendung findet, und wie es Jahrhunderte danach immer noch gelingt, diesen Impuls mit dem Prädikat "Kultur" auszuzeichnen.

Ich schäme mich zutiefst für meine christlichen Ahnen aller Konfessionen.

Zitat aus "Mission Sitting Bull"
"Wir haben das weite Grasland, die Prärie mit ihren schönen, wie Meereswogen dahinrollenden Hügeln, mit ihren sich schlängelnden Flüssen und ihren dicht bewachsenen Ufern nie als `Wildnis´ betrachtet. Nur für die Weißen war die `Wildnis` voller ´wilder` Tiere und `barbarischer´ Menschen. Für uns war alles zahm. Die Erde beschenkte uns im Überfluss und wir waren umgeben vom Segen des großen Geheimnisses. Erst als die bärtigen Männer aus dem Osten kamen und uns, sowie die Familien, die wir liebten, mit Hass und Wut verfolgten, wurde dieses Land für uns zu einer `Wildnis´. Als die Tiere vor den Weißen aus den Wäldern zu fliehen begannen, fing für uns der `Wilde Westen´ an." (Luther Standing Bear)
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Annette
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Mission Sitting Bull ein weiterer Buchtipp

Beitrag von Annette » 24.09.2017, 18:18

[font='Arial, Helvetica, sans-serif']Hallo,

Ich werde mir das Buch auf jeden Fall kaufen.

hier ein Buchtipp der im weiteren Sinne mit dem Thema zu tun hat:

Dee Brown: "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses" erschienen 1972 im Verlag Hoffmann und Kampe, Originaltitel:"Bury my Heart at Wounded Knee", es beschreibt die Vernichtung der indianischen Kultur von Kolumbus bis zum Massaker von Wounded Knee im Dezember 1890:
Das Buch ist zwar schon älter aber vielleicht kann man es ja auch antiquarisch bekommen. Ich habe es vor Jahrzehnten gelesen und es hat mich nie wieder richtig losgelassen.

Hier ein Zitat von Black Elk, einem Überlebenden des Wounded Knee Massakers:

"Ich wußte damals nicht, wieviel zu Ende ging. Wenn ich heute von dem hohen Berg meines Alters zurückblicke, kann ich die niedergemetzelten Frauen und Kinder verstreut und in Haufen entlang der gewundenen Schlucht so deutlich sehen wie ich sie sah, als meine Augen noch jung waren.
Ich kann sehen, dass noch etwas anderes in dem blutigen Schlamm starb und vom Schnee begraben wurde. Eines Volkes Traum ist dort gestorben. Es war ein schöner Traum, des Volkes Rad ist zerbrochen und zerfallen. Es gibt keine Nabe mehr und der Heilige Baum ist tot"
Black Elk

Selbst wenn ich diese Zeilen jetzt schreibe macht mich das unendlich traurig und ich hoffe, dass es den amerikanischen Ureinwohnern zumindest in Teilen gelingt ihre Kultur wieder zu beleben.

Vielleicht haben unsere heidnischen Vorfahren nach der Mission ähnlich empfunden, und wir haben vielleicht die Chance unseren Heiligen Baum wieder zu beleben.

@ Adolfo: Wo bekommt man so ein Hoodie her? Schicke mir doch mal bitte einen Link.

Viele Grüße
Annette

[/font]
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Man kann auch ohne Hund leben, aber es lohnt sich nicht

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Markus Nicklas
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bitte nicht an der Weser ...

Beitrag von Markus Nicklas » 25.09.2017, 08:22

https://www.unilu.ch/fakultaeten/ksf/in ... l-menrath/

mal gucken, was der Herr Menrath so treibt

... denn dort stehen mir zu viel Akws herum, auch wenn sie zurück gebaut werden :)
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Spiritualität und Weltbilder

Beitrag von Markus Nicklas » 03.10.2017, 19:57

"Die indianische Religion ist das Letzte, was ein Mensch einer anderen Rasse je verstehen wird." ... dass die Missionare aus ihrer Perspektive nur "heidnische" und "dämonische" Aspekte zu erkennen glaubten, welche nach ihrem Verständnis höchstens einer "primitiven" Vorstufe der sich im Christentum vollendenden universellen Religionsgeschichte entsprachen. ... Der Begriff Religion ist im eigentlichen Sinn an das Christentum gebunden. Deshalb und aufgrund negativer Erfahrungen mit der christlichen (Um-) Erziehung vermieden einige Indianer (sic) heute oft den Terminus und verwenden stattdessen "Spiritualität". Die spirituelle Tradition der Sioux ließe sich zwar aufgrund ihres ausgeprägt gesellschaftsrelevanten Kerns beispielsweise mittels der funktionalistischen Definition von Clifford Geertz als Religion beschreiben. Denn nach ihm ist eine Religion ...

EINSCHUB:

"Gemäß Geertz ist Religion ein Symbolsystem, dessen Ziel es ist, starke, umfassende und dauerhafte Stimmungen und Motivationen im Menschen zu erzeugen, indem Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert werden, die mit einer solchen Aura von Faktizität umgeben werden, dass die Stimmungen und Motivationen vollkommen der Realität zu entsprechen scheinen."

https://de.wikipedia.org/wiki/Religionsdefinition

Trotzdem soll in diesem Kapitel der Begriff "Religion" hinsichtlich der indianischen (sic) Spiritualität beziehungsweise spirituellen Weltanschauung nicht gebraucht werden. Der Verzicht darauf soll nicht die Ansicht damaliger Missionare stützen, gemäß derer die Indianer (sic) keine Religion hatten und daher christianisiert werden mussten. Es geht vielmehr um eine "Dekolonisation der Methodologien" (Linda Tuhiwai Smith) und um das Ernstnehmen der indigenen Sicht, in welcher Wert auf eine spirituelle Weltanschauung gelegt wird, die der christlichen Religion ebenbürtig und daher nicht missionsbedürftig war.

aus "Mission Sitting Bull" von M.Menrath, Seite 30, 31, F. Schöningh Verlag
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