Fleischkonsum damals sowie heute

Diskussionen rund um das Thema Götter und Heidentum
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Gaahl
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Fleischkonsum damals sowie heute

Beitrag von Gaahl » 09.03.2020, 11:47

Moin in die Runde,
ich hoffe das ich mit meiner Frage in der richtigen Kategorie gelandet bin.
Ich beschäftige mich momentan sehr viel mit dem Thema Ernährung, insbesondere Fleischkonsum, Vegetarismus sowie Veganismus.
Jeder hat zu diesem komplexen Thema unterschiedliche Ansichten, die einen weniger "radikal" als die anderen.

Mich interessiert hierbei auch die Ernährungsweise unserer Ahnen, da insbesondere hier der Wohlstands-Charakter entfällt.
Die Natur und all die Lebewesen spielen im Heidentum eine außerordentlich wichtige und kulturelle Rolle, anders als z.B im Christentum.
Und letztendlich wird ein Lebewesen teils brutal getötet um anschließend von uns gegessen zu werden.
Hier entwickelt sich bei mir eine Diskrepanz, seit ungefähr einem Jahr versuche ich vegetarisch zu leben - mit nur sehr bescheidendem Erfolg.
Ich kriege in regelmäßigen Abständen Appetit auf ein Stück Fleisch, hadere aber oftmals mit dem Gedanken der Tötung eines Lebewesens für meinem Konsum.

Ich frage mich dann häufig wie es unsere Vorfahren damals wohl gesehen haben und wie ihr es heute noch seht?
Esst ihr bewusst Fleisch?
Oder nutzt ihr die mittlerweile extrem breite Auswahl an pflanzlichen Alternativen für die Deckung aller möglichen Vitamine sowie Nährstoffe?

Danke im Voraus für Eure Beiträge !

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Blumenfee
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Re: Fleischkonsum damals sowie heute

Beitrag von Blumenfee » 09.03.2020, 12:39

Das ist wohl von Volk zu Volk unterschiedlich. Gerade habe ich aus einem Sarmaten-Artikel gelernt, dass die Archäologen die Knochen von Reitervölkern identifizieren, weil diese wegen der fast ausschließlichen Ernährung mit Milch und Fleisch eine festere Struktur haben als diejenigen der Sesshaften in den ersten Jahrhunderten d.Z.. In der Dokumentation über die Stellung von Frauen bei Arte letzten Samstag wurde dargestellt, dass nach der "Neolithischen Revolution" (Entstehung der sesshaften Ackerbauerkultur) weitgehend Männer Fleischmahlzeiten bekamen, weshalb sie kräftiger und größer als Frauen wurden - auch durch archäologische Funde belegt.
In der römischen Kultur mussten den Göttern zu bestimmten Terminen Tiere geopfert werden, um den Frieden mit den Göttern zu sichern. Die Opfertiere wurden bis auf ungenießbare und unverwertbare Reste im Opfermahl aufgegessen, für viele Römer waren dies die einzigen Fleischmahlzeiten, denn bei den großen öffenlichen Opferungen wurde das Fleisch in der Regel an die Bevölkerung verteilt. Es gibt Hinweise, dass auch Germanen und Kelten zu bestimmten Festtagen Tiere opferten.
Deshalb ging der Fleischkonsum mit der Christianisierung erst einmal eher zurück, er war suspekt, denn es bestand immer der Verdacht, es könne sich um heidnisches Opferfleisch handeln. Erst als die Erinnerung an das Heidentum weitgehend verschwunden war, wurde bei Christen vermehrt Fleisch gegessen, allerdings bis in die Neuzeit als Luxusmahlzeit für Begüterte oder Feiertage. Noch in der Generation meiner Eltern (und das waren mütterlicherseits Bauern mit eigenen Tieren) und in meiner Kindheit gab es Fleisch nur am Sonntag.

Gruß
Blumenfee

Tjoralf Andreason
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Re: Fleischkonsum damals sowie heute

Beitrag von Tjoralf Andreason » 09.03.2020, 13:51

Oh, ein spannendes Thema.

Fleisch scheint mir, aus historischer Perspektive, ein prestigeträchtiges Nahrungsmittel gewesen zu sein. In der "Jäger-und-Sammler"-Zeit eben ein Indiz für Jagdgeschick, Können und Mut. Nach Sesshaftwerdung und der Domestizierung von Viehtieren und Hirtentätigkeiten ebenso, wenn auch eher unter dem Aspekt des Wissens und Könnens eben jener Tätigkeiten, dem Reichtum, derartige Tiere zu halten, bzw. sie zu Schlachten und das Fleisch zu teilen.

Das Sammeln von Pflanzen erfordert zwar auch Fachwissen, war jedoch unterm Strich weniger anstrengend und gefährlich (mal vom berühmten Säbelzahntiger hinterm Busch abgesehen) als das Jagen, Stellen und Töten panischer Tiere. Zumal Pflanzen ihrer Natur her eher Ortsfest sind und ihr Wiederfindungswert mir spontan größer erscheint als mobile Tierchen, mal von Faultieren oder Wombats abgesehen, die ich aber gedanklich mal eben vernachlässigen will.

Summa Summarum ist eine J-u-S-Gesellschaft durchschnittlich nach gut 2 Stunden tätigkeit mit dem allem abgedeckt, was den Tagesbedarf der Gesellschaft mit Nahrungsmitteln angeht. (Storl schrieb das mal und Dr. Lesch erwähnte diese Zahl auch mal in einem Format, hieß glaub ich "Weg der Menschheit", oder so, lief mal auf arte/3sat).
Der Ackerbau, Gartenbetrieb und Viehwirtschaft hingegen ist ja etwas längerfristig angelegt und ist dementsprechend anfällig für Störungen, Ernteausfälle, Dürren, Überschwemmungen, Nahrungskonkurenten, Krankheiten, etc.

Zum Thema Opferfleisch, ich kann mich nicht mehr ganz entsinnen, wo ich es las, vielleicht ist es auch ein Ammenmärchen, aber ich glaube gelesen zu haben, dass daraufhin das kirchliche Verbot vom Verzehr von Pferdefleisch ausging, da Pferde als bevorzugte Opfertiere für Wotan/Odin genutzt wurden, bzw. dem einäugigen die Knochen und Felle gelassen wurden, die Opfernden das Fleisch vertilgten. Bis in die heutige Zeit hinein gilt es offenbar als Tabu, Pferdefleisch zu essen.
Liebe Grüße aus der märkischen Heide :mrgreen:

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Aethelstan1984
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Re: Fleischkonsum damals sowie heute

Beitrag von Aethelstan1984 » 09.03.2020, 14:28

Gaahl hat geschrieben:
09.03.2020, 11:47

Die Natur und all die Lebewesen spielen im Heidentum eine außerordentlich wichtige und kulturelle Rolle, anders als z.B im Christentum.
Und darin liegt schon der zentrale Denkfehler. Tatsächlich spielt die Natur als Schöpfung Gottes im Christentum eine ganz entscheidende Rolle und es ist daher in der christlichen Ethik ein zentrales Thema, wie mit der Natur umgegangen werden darf. Im Moment ist das Thema "Tierethik" ein großer Forschungsbereich der christlichen Theologie. Die Basis bildet auch hier die biblische Überlieferung, die sich die grundlegende Frage stellt, inwiefern sich Tiere vom Menschen eigentlich unterscheiden.
Das Christentum ging ja aus dem Judentum hervor und hat sich, genauso wie das Judentum, vor allem dadurch von der nichtchristlichen bzw. nichtjüdischen Umwelt abgehoben, als dass es in den Speisevorschriften wesentlich regulierter war: Das Essen von Schweinefleisch (in den Anfangszeiten haben auch Christen kein Schwein gegessen), die Unterscheidung zwischen anderen zur Ernährung geeigneten Tieren und nicht geeigneten etc. pp. Neben den Speisevorschriften hat man sich im Christentum seit der Antike die Frage gestellt, ob Tiere nicht ebenso wie Menschen "beseelt" sind. Es gab daher nicht wenige Heilige, die vegan gelebt haben.

Im germanischen Heidentum gibt es bekanntermaßen keine schriftliche Normierung wie die biblischen Schriften. Deshalb muss man hier versuchen aus den Quellen zu rekonstruieren, ob es Speisegebote gab, oder nicht. Es zeigt sich hier, wie immer, ein vielfältiges Bild: Das Essen von Fleisch war insbesondere in Skandinavien eine Notwendigkeit. Desto nördlicher man blickt, umso größer wurde der prozentuale Konsum von Fleisch in der täglichen Ernährung. Das ist heute in weiten Teilen immer noch der Fall. Fisch und Fischprodukte waren Grundnahrungsmittel, allerdings wurden natürlich auch alle anderen Nutztiere gegessen. Wie immer in der frühmittelalterlichen Gesellschaft (und nur von der spreche ich hier, weil hier die literarische Überlieferung beginnt), war der Fleischkonsum abhängig von der sozialen und ökonomischen Schicht: Wer es sich leisten konnte, hat mehr und unterschiedliches Fleisch verzehrt als die ärmere Bevölkerung.
Heil Baldur, Heil Siegvaters Sohn,
der die Schöpfung wird leiten, wenn Wotan fällt
Heil dem Lichtbringer,
der noch rasten muss hinter Hels Pforten.

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