Müssen wir uns "neu erfinden"?

religionswissenschaftliche und historische Themen ausserhalb des germanisch/skandinavischen Kontexts
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Haganrix
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Müssen wir uns "neu erfinden"?

Beitrag von Haganrix »

Bis zu den Tagen Keplers und Galileis herrschte das so genannte geozentrische Weltbild vor, wonach die Erde der Mittelpunkt des Universums war und die Sonne sich um sie drehte. Heute wissen wir, daß es genau umgekehrt ist!

Aber die Mythen der Religionen, der heidnischen wie auch der drei abrahamitischen, sind auf geozentrischer Grundlage entstanden. Daß die jungfräuliche Göttin Frigg in der Nacht der Mütter, im Klartext Weihnachten, den Lichtgott Baldur gebar, beruht ersichtlich auf der Annahme, daß die jungfräuliche Erde die Sonne gebar. Und "Die Sterne fallen vom Himmel" steht keineswegs nur in der Völuspa beziehungsweise Ragnarök, sondern auch in der Offenbarung des Johannes. Heute wissen wir, daß so etwas geophysikalisch nur möglich wäre, wenn die Erde eine größere Masse als die anderen Planeten hätte.

Es stimmt Einiges nicht so, wie es die Alten annnahmen, als sie mundane Vorstellungen in Mythen "verpackten". Was folgt daraus für uns, müssen wir uns jedenfalls teilweise "neu erfinden"? Ich denke schon, Mythen und Rituale, welche auf wissenschaftlich widerlegten Annahmen berufen, können wir nicht einfach so fortführen.

Ist das jetzt ein Grund, "vom Glauben abzufallen"?
Das hängt davon ab, wie man zu den Fragen von "Schöpfung" und "Entwicklung" steht. Für Kreationisten und reine Materialisten ist der heidnische Glaube hier widerlegt, gewissenmaßen reitet man danach ein totes Pferd. Das betrifft dann aber ebenfalls die abrahamitischen Religionen, welche schließlich auch auf dem Boden der geozentrischen Betrachtungsweise entstanden sind.

Geht man hingegen davon aus, daß die kosmischen Gesetze von den Göttern erlassen worden sind und wir unser Wissen in mühevollen Zyklen erarbeiten müssen, wobei die Evolution nur äußerst langsam voranschreitet, ist gerade für das Heidentum der Zukunft Platz. Per aspera ad astra, - mit Mühen zu den Sternen -, sagten bereits die alten Römer, und nach der Lehre Platons ist alles erarbeitete Wissen "anamnesis" - Wiedererinnerung - an das Urwissen der Seelen vor der Inkarnation. Das Gravitationsgesetz war schließlich vor der Erde da, das Gesetz über die Aggregatzustände, die Brechung des Lichtes und Vieles mehr. Und der Lehrsatz des Pythagoras hing nicht davon ab, ob man ihn jetzt kannte oder nicht.

Es kommt danach darauf an, wie man mit den Traditionen auf der Grundlage heutiger wissenschaftlicher Erkenntnise umgeht. Der reformierten Lehre kann ich jedenfalls eine Zukunft bescheinigen!
Mustela
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Re: Müssen wir uns "neu erfinden"?

Beitrag von Mustela »

Ich schreibe dazu mal als überzeugter Konstruktivist: Die Welt, wie wir sie als Menschen sehen und erkennen, ist dadurch definiert, was Menschen sehen und erkennen können. Also überspitzt gesagt: Jede*r von uns "erfindet" in jedem Moment seine Welt auf Basis all dessen, was er/sie bis dahin weiß.
Die Menschheit hat inzwischen viel Wissen angesammelt und für alle verfügbar gemacht, und es wird immer schneller immer mehr. Und doch gibt es immer noch die Möglichkeit, dass das, was die Menschen sehen, erkennen und messen können eben nicht die ganze Welt ist, dass es über all das hinaus was wir Menschen mit unseren Sinnen und unseren Werkzeugen hinaus wahrnehmen können noch mehr gibt.
Die Erklärungen dieses "Mehr", das ist das, was "neu erfunden" werden will, und dieses "erfinden" muss natürlich heute anders sein als vor tausend Jahren, denn das gesicherte Wissen von heute ist ein anderes als das gesicherte Wissen von damals.
Insofern ist meine Antwort auf die Frage ein ganz klares "Ja". Und wenn ich mich neu erfunden habe wird es immer noch ein "Ja" sein, denn nur mit der Bereitschaft, neues zu erkennen (Also im Sinne des Konstruktivismus: Neue Erkenntnis zu erfinden) gibt es Entwicklung.
Mustela
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Re: Müssen wir uns "neu erfinden"?

Beitrag von Mustela »

Addendum: Für mich besteht Glaube oder Religion aus dem was "erfunden" wurde, um Erlebnisse zu erklären, die mit dem (natrurwissenschaftlich) gesicherten Wissen nicht erklärt werden können. Damit ändert sich der Bereich dessen, was Glaube und Religion erklären müssen, mit jedem Zuwachs oder Zweifel an (naturwissenschaftlich) gesichertem Wissen. Daher muss sich mein Glaube und meine Religion permanent "neu erfinden".
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Re: Müssen wir uns "neu erfinden"?

Beitrag von [+] »

Der Kern des heidnischen Glaubens ist meines Erachtens nicht die Astrophysik; und selbst auf heutiger wissenschaftlicher Grundlage sind "vom Himmel fallende Sterne" noch ein zulässiges Sprachbild, kommt es doch selbst in der zeitgenössischen Musik noch vor. ;)
Nur ein Narr betet erst den Leichnam an.
Haganrix
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Re: Müssen wir uns "neu erfinden"?

Beitrag von Haganrix »

[+] hat geschrieben: 11.05.2022, 17:38 Der Kern des heidnischen Glaubens ist meines Erachtens nicht die Astrophysik; und selbst auf heutiger wissenschaftlicher Grundlage sind "vom Himmel fallende Sterne" noch ein zulässiges Sprachbild, kommt es doch selbst in der zeitgenössischen Musik noch vor. ;)
Anders als die abrahamitischen Religionen beruhen die heidnischen nicht auf Verkündung, sondern auf Beobachtung, Erfahrung und Erkenntnis. Hat uns folglich unsere Wahrnehmung getäuscht und sich nunmehr herausgestellt, daß die Dinge nicht sind als was sie uns erschienen, sollten wir die Kraft zur Korrektur aufbringen.
Haganrix
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Re: Müssen wir uns "neu erfinden"?

Beitrag von Haganrix »

[+] hat geschrieben: 11.05.2022, 17:38 Der Kern des heidnischen Glaubens ist meines Erachtens nicht die Astrophysik; und selbst auf heutiger wissenschaftlicher Grundlage sind "vom Himmel fallende Sterne" noch ein zulässiges Sprachbild, kommt es doch selbst in der zeitgenössischen Musik noch vor. ;)
Ach was gibt es nicht alles in der Musik, einen Drachen "Tabaluga", welcher von der Anatomie her eher wie ein mißglücktes Seepferdchen ausschaut, und in der Oper von Wagner gibt es Helme mit Hörnern, welche historisch wohl nicht überliefert sind. Sind die Figuren vom Kartenspiel bei "Alice im Wunderland" real existent?

In der Kunst ist Vieles zulässig, aber stimmt es denn auch?
Mustela
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Re: Müssen wir uns "neu erfinden"?

Beitrag von Mustela »

Haganrix hat geschrieben: 18.05.2022, 23:11
[+] hat geschrieben: 11.05.2022, 17:38 Der Kern des heidnischen Glaubens ist meines Erachtens nicht die Astrophysik; und selbst auf heutiger wissenschaftlicher Grundlage sind "vom Himmel fallende Sterne" noch ein zulässiges Sprachbild, kommt es doch selbst in der zeitgenössischen Musik noch vor. ;)
Ach was gibt es nicht alles in der Musik, einen Drachen "Tabaluga", welcher von der Anatomie her eher wie ein mißglücktes Seepferdchen ausschaut, und in der Oper von Wagner gibt es Helme mit Hörnern, welche historisch wohl nicht überliefert sind. Sind die Figuren vom Kartenspiel bei "Alice im Wunderland" real existent?

In der Kunst ist Vieles zulässig, aber stimmt es denn auch?
Die Kunst hat ja auch nicht den Anspruch, die Welt zu erklären. Eine Religion eigentlich schon, sonst verkommt sie zu Theater.
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Re: Müssen wir uns "neu erfinden"?

Beitrag von [+] »

Mustela hat geschrieben: 19.05.2022, 18:04 Die Kunst hat ja auch nicht den Anspruch, die Welt zu erklären. Eine Religion eigentlich schon
Der Buddhismus erklärt die Welt?
Nur ein Narr betet erst den Leichnam an.
Mustela
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Re: Müssen wir uns "neu erfinden"?

Beitrag von Mustela »

[+] hat geschrieben: 19.05.2022, 18:37
Mustela hat geschrieben: 19.05.2022, 18:04 Die Kunst hat ja auch nicht den Anspruch, die Welt zu erklären. Eine Religion eigentlich schon
Der Buddhismus erklärt die Welt?
Ja, definitiv: Die Welt besteht aus Leiden, und wenn man das Leiden überwindet, überwindet man die Welt und wird zum Wesen aus reinem Licht (Gaaaaanz kurz gefasst) 8)
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